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Choucroute royal!

Choucroute royal!

Am Morgen des 23. Juni 1994 kitzelt mich die Sonne schon vor meinem Wecker wach. Nach Wochen im Hörsaal und Überstunden bei der Arbeit springe ich freudig aus dem Bett – heute ist Kontrastprogramm angesagt! Roland Summkeller regte eine Exkursion in den deutschen und den französischen Bliesgau an. Wir wollen zusammen mit Louis Perrette, einem ausgewiesenen Kenner der Tag- und Nachtfalterfauna Lothringens und der Nordvogesen einen schönen Tag auf der Suche nach einigen selten beobachteten Tagfaltern verbringen. Das Wetter zeigt sich von der allerbesten Seite und die Temperaturen steigen rasch – also schnell ein paar Brote, Obst und Wasser zum Proviant fertig machen und auf geht's!

Roland hat seine sieben Sachen auch schon beisammen. Er erzählt mir, dass am Buchenberg bei Niedergailbach vermutlich noch Erebia medusa, der Rundaugenmohrenfalter, fliegen würde und ich bin ordentlich gespannt. Den letzten Rundaugenmohrenfalter haben wir Anfang der 90er Jahre im Warndt bereits verabschieden müssen, ohne dass man damit rechnen könnte, dass er je zurückkommt. In Stiring Wendel finden wir Louis, der noch genüsslich frühstückt. Gutes Essen hält Leib und Seele beisammen. Louis wirkt auf mich trotz seines Alters noch sehr energiegeladen und schon bald wird klar – ihm kann man stundenlang zuhören. Die Geschichten werden den Tag über nicht ausgehen. Seien es seine Erfahrungen in Indochina, Frauen oder interessante Details über Schmetterlingsbeobachtungen - kurzweilig und erinnerungswürdig allemal. Unser erstes Ziel liegt im französischen Teil des Bliesgaus – eine feuchte Wiese bei Obergailbach. Hier läuft der Schweiß bereits in Strömen – die Luft steht, es ist heiß – sehr heiß. In der Erinnerung zurück würde ich jederzeit beschwören, die Temperatur hat bereits kurz nach 11 Uhr die 30°C-Marke locker überschritten. Gefühlte 35°C und dabei habe ich auch noch lange Hosen an! Lange Hosen müssen sein, sage ich mir, muss man doch immer mit Brennnessel, Distel und Dornzeugs rechnen. Richtig gelegen und doch gelitten – eine Qual muss man eben leiden. Aber die schönen Falter, die uns bereits in der ersten Wiese begrüßen entschädigen uns. Der Erfahrungsaustausch mit anderen Verrückten hat mir ja so gefehlt (ja zugegeben, ein bischen verrückt sind wir Lepidopterologen schon ;-)). Roland parliert gerade über syngrapha-Weibchen von Polyommatus coridon und Louis erklärt uns, welche Arten wir leider nicht mehr sehen werden, die früher an der gleichen Stelle aber regelmäßig vorkamen. Die Wiese ist bereits deutlich durch Gehölzsukzession degradiert und das Artspektrum ist ein anderes. Interessanter Weise fliegen genau hier nun einige Exemplare des Baumweißlings (Aporia crataegi), den ich viele Jahre zuvor nicht beobachten konnte. Eine beachtliche Anzahl des Großen Perlmuttfalters patrouilliert am gehölzbestandenen Wegsaum auf der Suche nach Nektarpflanzen. Sonst ist die Zahl der beobachteten Arten nicht sehr hoch und langsam regt sich der Wunsch, den nächsten Biotop – wohl einen Trockenrasen – zu besuchen. Inzwischen steht auch die Sonne an ihrem höchsten Punkt und die Hitze ist, so scheint es, auch vielen Faltern zu viel. Warum also nicht erst einmal eine schöne Stelle zum Rasten im Wald aufsuchen, Picknick? Schließlich haben wir ja alle unseren Proviant mit. Kannte ich Louis bis dahin nur als einen sehr gewinnenden Erzähler und hervorragenden Kenner von Schmetterlingen, so wird mir jetzt schlagartig klar – wenn es ums Essen geht, versteht er keinen (!) Spaß. Natürlich müssen wir ins Restaurant! Was wäre eine Exkursion wie die heutige ohne ein zünftiges Menü mit Wein dazu? Roland und ich schauen uns fragend an... Er sieht aus, als hätte man ihn gerade aus einer Pfütze gezogen – klatschnass geschwitzt. Wie ich aussehe, möchte ich lieber nicht beschreiben – ich lag tatsächlich mit einer Hälfte in einer Pfütze. Dreck, Schweiß und es ist heiß. Wie kann man da an Essen denken? Ein Apfel... ja das hätte mir schon gereicht. Aber schließlich ist ja kaum noch Wasser da und dann muss man ja schließlich ins Restaurant essen gehen oder etwa nicht? Also abgemacht und los – bis wir das Restaurant später verlassen, ich nehme es vorweg, sollte die größte Hitze auch vorüber sein und die Falter aus ihren Verstecken hervorgekrochen.

Im Café Restaurant de la Gare in Bliesbruck kehren wir ein. Im großen Gemäuer ist es angenehm kühl... wir lassen die Karte kommen und nach und nach gelangen wir zur Erkenntnis, ein Apfel ist eben doch nicht das richtige für einen echten Mann. Also was bietet die Karte so? Choucroute royal, Choucroute garnie, Schlachtplatte, Holzfällersteak, ... ist ja so das ein oder andere leichte Gericht dabei. Und ein Riesling! Ein guter Riesling darf natürlich auch nicht fehlen. Die genauere Definition und das Verständnis des Wortes „ein" sollte im Laufe unserer Stärkung für den nächsten Geländegang noch einige Revisionen erfahren. Louis hält es für eine ausgezeichnete Idee, eine Choucroute royal zu bestellen, die es für eine, für zwei, für drei... Personen gibt. Wir nehmen natürlich die große Portion schließlich war es bereits jetzt eine anstrengende Exkursion in diesem unwegsamen Gelände bei diesen Temperaturen!

Louis weiß eine Menge Geschichten zu erzählen. Er schöpft aus so reichen Erfahrungen und Erlebnissen, dass er pausenlos und wochenlang so weiterreden könnte, ohne dass es langweilig würde. Nun es wurde auch an diesem Nachmittag im Restaurant nicht langweilig – und wer Roland kennt, der weiß: es gehört schon einiges dazu, ihn über fast drei Stunden kaum zu Wort kommen zu lassen. Der Riesling ist übrigens ausgezeichnet und harmoniert hervorragend (...) mit der Choucroute, die im Übrigen sehr ähnlich derjenigen im Bild ist, welche aber vermutlich nur für eine, maximal aber zwei Personen gedacht war. Hat jemand die Flasche gesehen? Wo ist denn der Riesling hin? Es scheint, als hätten wir die erste Flasche bereits geleert. Natürlich bestellen wir noch eine Flasche, schließlich ist es für Falter draußen immer noch viel zu warm und das fette Essen verlangt nach Kompensation. Nach einigen ausschweifenden gedanklichen Ausflügen als Flieger durch Indochina sowie durch den Schwarzwald unter besonderer Berücksichtigung der weiblichen Landbevölkerung ebendort wird das Sitzfleisch immer geduldiger. Es gelingt es uns vorerst nicht, unsere Exkursion fortzuführen. Schließlich ist die dritte Flasche Riesling – oder war es bereits die vierte? – gerade erst von der sehr zuvorkommenden Bedienung geöffnet worden. Angedenk unseres Erscheinungsbildes (Dreck, Schweiß, Wandertreter) müssen wir sehr zufrieden sein, wie freundlich wir hier empfangen und bedient werden.

Ich hatte mich längst mit dem Gedanken angefreundet, dass wir gleich zum Abendessen bleiben und noch ein, zwei Flaschen Riesling trinken werden, da erfasst Roland und Louis ein ungeahnter Energieimpuls. Wenn wir Erebia medusa noch sehen wollen, dann müssen wir jetzt los! „Ui – wie denn das jetzt?" denke ich. Doch es ist den Beiden ernst, bitter ernst. Also zahlen wir? Nein – vorher nehmen wir noch einen Digestiv und dann vielleicht noch einen Kaffee und dann, ja dann... zahlen wir. Zeit genug für eine weitere Geschichte. Deutlich nach drei Uhr haben wir unseren inneren Schweinehund niedergekämpft und wir sind bereit, die Gluthitze zu bezwingen und den zweiten Teil der Exkursion anzugehen. Lange Schatten begleiten uns, als wir uns auf den endlos beschwerlichen Aufstieg hinauf auf den Buchenberg in Niedergailbach begeben; auf Sauerstoffgeräte können wir aber gerade noch verzichten.

b2ap3_thumbnail_IMG_3200.jpg

Hier die Artenliste unserer Exkursion (Donnerstag, 23.06.1994, 6809-324-30-40, Niedergailbach – Buchenberg):

Taxon

♂/N

♀/N

?/N

♂/B

♀/B

Pyrgus malvae (LINNAEUS, 1758)

0

0

3

0

0

Thymelicus lineola (OCHSENHEIMER, 1808)

0

0

7

0

0

Ochlodes venata (BREMER & GREY, 1853)

0

0

16

0

0

Papilio machaon LINNAEUS, 1758

0

0

1

2

0

Aporia crataegi (LINNAEUS, 1758)

0

0

5

0

0

Pieris napi (LINNAEUS, 1758)

0

0

2

0

0

Gonepteryx rhamni (LINNAEUS, 1758)

0

0

5

0

0

Satyrium pruni (LINNAEUS, 1758)

0

0

25

0

0

Lycaena tityrus (PODA, 1761)

2

0

0

0

0

Cupido minimus (FUESSLY, 1775)

0

0

2

0

0

Plebeius argus (LINNAEUS, 1758)

0

0

15

0

0

Polyommatus semiargus (ROTTEMBURG, 1775)

0

0

5

0

0

Polyommatus icarus (ROTTEMBURG, 1775)

0

0

3

0

0

Melanargia galathea (LINNAEUS, 1758)

0

0

100

0

0

Erebia medusa (DENIS & SCHIFFERMÜLLER, 1775)

1

0

0

0

0

Maniola jurtina (LINNAEUS, 1758)

0

0

50

0

0

Coenonympha pamphilus (LINNAEUS, 1758)

0

0

40

0

0

Coenonympha arcania (LINNAEUS, 1761)

0

0

16

0

0

Lasiommata megera (LINNAEUS, 1767)

0

0

4

0

0

Apatura iris (LINNAEUS, 1758)

0

0

1

0

0

Vanessa atalanta (LINNAEUS, 1758)

0

0

3

0

0

Argynnis aglaja (LINNAEUS, 1758)

0

0

10

0

0

Boloria dia (LINNAEUS, 1767)

0

0

1

0

0

Melitaea athalia (ROTTEMBURG, 1775)

0

0

5

0

0

Melitaea aurelia NICKERL, 1850

0

0

40

0

0

Euphydryas aurinia (ROTTEMBURG, 1775)

0

0

2

0

0

Aplasta ononaria (FUESSLY, 1783)

0

0

41

0

0

Thetidia smaragdaria (FABRICIUS, 1787)

0

0

0

1

0

Timandra comae A. Schmidt, 1931

0

0

2

0

0

Scopula immorata (LINNAEUS, 1758)

0

0

1

0

0

Scopula ornata (SCOPOLI, 1763)

0

0

5

0

0

Idaea serpentata (HUFNAGEL, 1767)

0

0

3

0

0

Epirrhoe alternata (MÜLLER, 1764)

0

0

4

0

0

Camptogramma bilineata (LINNAEUS, 1758)

0

0

2

0

0

Cidaria fulvata (FORSTER, 1771)

0

0

5

0

0

Minoa murinata (SCOPOLI, 1763)

0

0

2

0

0

Chiasmia clathrata (LINNAEUS, 1758)

0

0

10

0

0

Ematurga atomaria (LINNAEUS, 1758)

0

0

10

0

0

Cyclophora linearia (HÜBNER, 1799)

0

0

20

0

0

Callistege mi (CLERCK, 1759)

0

0

3

0

0

Euclidia glyphica (LINNAEUS, 1758)

0

0

10

0

0

Deltote deceptoria (SCOPOLI, 1763)

0

0

0

1

0

Autographa gamma (LINNAEUS, 1758)

0

0

5

0

0

 dsaf

Diskussion: Lichtwaldarten als Teil der regionalen...
65m² Bliesgau im Garten

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