• Den nachstehenden Aufsatz wollte ich bei meiner Anmeldung, passend, als "über mich"-Aussage im Profil veröffentlichen. Es erschien die Meldung, meine Anmeldung enthielte Fehler.

    So mit 13 oder 14 Jahren saß ich am Schreibtisch und blickte nach oben.
    Dort hing der Schmetterlingskasten an der Wand, das Erbe des viel zu früh gestorbenen Großvaters. Mit ihm hatte ich schon als Kind Schmetterlinge aus dem Wasser und Raupen von der Fahrbahn und aus Waldameisenhäufen (!) gerettet.

    Der Kasten enthielt überwiegend einheimische Tagfalter.
    Im elterlichen Wohnzimmer hingen noch drei Kästen mit Exoten.

    Schwer drückten die gymnasialen Hausaufgaben aufs Gemüt, und dankbar war ich für jede Ablenkung. Ich verschaffte sie mir selbst in der Betrachtung der Falter. Irgendwie kam mir in den Sinn, es sei doch eine Schande, außer den Kohlweißlingen und den Zitronenfaltern eigentlich keine Art zu kennen und nichts über sie zu wissen, außer, immerhin, dass sie ein Raupen- und Puppenstadium hatten.
    Der Gedanke festigte sich in mir und trieb mich in die Leihbücherei. Tatsächlich vorsätzlich entschloss ich mich, in der Hoffnung, die "wissenschaftliche Materie" überhaupt zu verstehen, mein Unwissen zu beseitigen.

    Nach einiger Lesezeit kam ich aufgeregt mit dem Kosmos-Naturführer "Welcher Schmetterling ist das?", den ich nur jedem Anfänger empfehlen kann, zurück nach Hause. Insbesondere die bizarren, oft bunten und oft wunderschönen, einheimischen Nachtfalterraupen hatten mich in ihren Bann gezogen. Na ja, und da ich bei Mädchen damals noch keinen Erfolg hatte, beschäftigte ich mich bald mit nichts anderem mehr.
    Die "Kohlweißlinge" stellten sich als seltene Baumweißlinge heraus, die ich jahrelang vergeblich suchte und erstmals auf einer steppenartigen Brache auf der Insel Krk, Kroatien, entdeckte. Diese "Kohlweißlinge" dort flatterten nicht, sie segelten und gleiteten ja, und tatsächlich, als ich endlich, zerkratzt von Disteldorn, einem nahe kam, erkannte ich ihn als Baumweißling.
    Ein Pärchen der vermeintlichen Zitronenfalter im Kasten stellte sich als Gonepteryx cleopatra heraus, allein, beim Weibchen bin ich mir bis heute nicht ganz sicher, ob es nicht etwa ein großes Zitronenfaltermännchen ist. Das Präparat ist ja auch ziemlich verblasst.

    Gelegen kam mir mit 14, 15 Jahren eine Massenvermehrung von Euproctis chrysorrhoea, dem Goldafter, im Süden Berlins.
    In einer Sommernacht kam ich nach 2 Uhr nach Hause, nachdem ich Abend und Nacht mit dem Sammeln an beleuchteten Schaufenstern verbracht hatte. Nachtschwalbenschwänze und viele Eulen flogen dort auch; es war eine Offenbarung - der Ärger mit dem gestrengen Vater, der vor Sorge schon eine Suchaktion eingeleitet hatte, aber auch.
    Da nicht nur der Schlaf, sondern auch die schulischen Leistungen litten, wurde der Zuchtkasten verbannt.
    Ich machte natürlich heimlich weiter.
    Im Winter schnitten wir dann etliche Nester aus den Bäumen und versteckten sie, bis die behördlichen Schädlingsbekämpfer durch waren. Dann banden wir sie wieder an. Wer sich nicht wehrt, lebt eben verkehrt.

    Aus dem ererbten Tagfalterkasten wurden zwei "Schulkästen", Tagfalter und Nachtfalter Deutschlands. Dann gab ich das auf. Ankäufe hatten mir Museumskäfer in die Kästen getragen, und meine eigenen Leistungen beim "Spannen" endeten aufgrund motorischer Unbeholfenheit viel zu häufig mit der Beschädigung der Präparate, sodass ich das Töten nicht mehr verantworten wollte. Ich wurde "vom Entomologen zum Entomophilen", speziell Lepidopterophilen, und ich widmete mich immer mehr dem Schutz und der Rettung der Tiere.

    Schon beim Lesen des Kosmos-Naturführers gewann ich den Eindruck, nie Raupen zu finden, weil es ihre Futterpflanzen ja nirgendwo gab. Die Gärten waren von diesen oben geköpften Fichtenhecken gezeichnet wie heute von Thuja und Kirschlorbeer. In der Allee, in der die elterliche Wohnung lag, wuchsen Platanen, etwas weiter Rosskastanien. Dort fand ich immerhin mal eine Ahorneulenraupe, ein gelb-rotes Wundertier. In den städtischen Anlagen wuchs falscher Jasmin neben Löwenzahn- und Gänseblümchen-Rasen, begleitet von Cotoneaster aus Fernost in seinem Vorfeld, "Architektengemüse", mir so gut wie tot erscheinend. Immerhin wurde noch nicht so fanatisch gemäht wie heute, wo angeblich die Kassen der Kommunen leer sind. Um der Restnatur eins drauf zu geben, ist immer genug Geld da!
    Der Grunewald war dichter Forst oder grenzte direkt an Straßen oder Privatgrundstücke. Schlehen? Salweiden? Weißdorn?
    Für mich waren das die manchmal lange vergeblich gesuchten "Exoten".

    Ich glaube auch heute noch, dass der Mangel an Futterpflanzen vielleicht noch vor dem an speziellen Biotopen -
    (Insekten sind ja anpassungsfähig, siehe Trauermantel, Admiral und, oh Wunder, der beinahe ausgerottete Lycaena dispar) - eine Hauptursache des Rückgangs an Großschmetterlingsarten und -Individuen ist.

    So gewann ich ein Interessengebiet hinzu, das ich mir zuvor nie zugetraut hätte: Pflanzen. Woran sollte ich denn Schlehen oder Faulbaum erkennen? Wo gab es die abenteuerlich beeindruckende Zypressenwolfsmilch? Mein Taschengeld verwandelte sich in Eintrittskarten für den Botanischen Garten. Zypressenwolfsmilch wurde dort heimlich ausgegraben und geklaut; ich wurde erwischt, der Gärtner hatte nach meiner Erklärung ein freundliches Einsehen, und ich fand dort die erste und bisher einzige Wolfsmilchschwärmerraupe, die ich je in Berlin sah. Ich besuchte sie alle paar Tage, bis sie riesengroß war und schließlich weg. Das war, wie ich mittlerweile weiß, erstaunlich spät im Herbst, im Oktober erst, glaube ich. Möge sie sich gesund zum Falter entwickelt haben.

    Damals begann ich auch mit der Pflanzpiraterie. "Kätzchenweiden", Schlehen und manche Wildkräuter wurden teils gezüchtet, teils gekauft und wild in öffentliche Anlagen und sogar vernachlässigte Privatgärten von Mietshäusern gepflanzt. Manche Bäume und Sträucher stehen bis heute, viel wurde von den Zuständigen wieder beseitigt. Gelegentlich besuche ich meine Zöglinge. Gelegentlich begehe ich auch heute noch "Nacht- und Nebel-Aktionen", zuletzt in größerem Umfang das Pflanzen von Efeu an kahlen Wänden, z.B. an Autobahnüberführungen und Brücken. Freunde und Freundinnen halfen und helfen mir dabei. Unmengen von Samen, z.B. von Akelei, Gelbem und Weißem Steinklee, Ackerglockenblume und sogar Beifuß habe ich verstreut, das leider meistens ohne schnell sichtbaren Erfolg, und einst, als Schüler noch, hatte ich händeweise Schlehenfrüchte von Brücken aus auf Bahnböschungen geworfen.

    Das Geld war stets knapp und der "Berge-Rebel" daher ein Weihnachtsgeschenk, dass ich fassungslos bestaunte. Er lehrte mich nebenbei endgültig das problemfreie Lesen von Fraktur.
    Begeistert hatte mich der "Eckstein", Kriegspapierausgaben, die ich billig erwerben konnte. Da waren ja Arten aufgeführt, von denen ich noch nie gelesen hatte!
    Wie frustriert war ich, zu erfahren, dass es im Koch und Higgins noch mehr gab? Die konnte ich mir doch nicht leisten!

    Mitgeprägt und so sehr beeindruckt, dass ich sie immer mal wieder gelegentlich lese, haben mich die entomologischen Erlebnisberichte von KOCH und besonders von Friedrich SCHNACK - "Die Kavalliere der Blumen" und "Das Leben der Schmetterlinge". Koch schrieb ja eher etwas trocken, wissenschaftlich, Schnack, als Künstler, allerdings schon beinahe schamanisch. Wer seine Geschichte des in einem Kirchturm aus der Winterstarre erwachenden C-Falters kennt, den nach erstem Flug seine Schwäche an einen rettenden Stachelbeerbusch mit seinen unscheinbaren Blüten treibt, wird verstehen, was ich meine. Mit einiger Imaginationsfähigkeit wird man als Leser innerlich zum Polygonia c-album, man lebt dessen Gefühle und wird dessen Sicht der wundersamen Dinge gewahr. Jedem Schmetterlingsfreund seien diese Bücher herzlichst empfohlen.

    Mittlerweile habe ich mein "eigenes Naturschutzgebiet". Es ist winzig, aber der Erfolg ist überwältigend. Ich habe eine Oase im Stadtgestein erschaffen, die nicht nur von Imagines aufgesucht wird (alle Kohlweißlinge, C-Falter, Kl. Fuchs, Tagpfau, Admiral, Distelfalter, einmal, was für eine Überraschung, Apatura ilia, der Kleine Schillerfalter, nie zuvor in der Stadt gesehen, ein Taubenschwänzchen, allerlei Hummeln, Bienenarten, Schwebfliegen und vieles anderes mehr), sondern auch Raupen haben sich eingestellt - Kohlweißlinge, dicke Erdeulen, allerlei Spanner und einmal eine Bläulingsraupe, die ich aus dem Regenwasserbehälter retten konnte. Eulenraupen putzten mir das wild zwischen den Fliesen wuchernde Greiskraut weg.
    Allerdings verzeichnete ich ab 2012 einen Rückgang der Insektenbesuche um schätzungsweise 80%. Zu dieser Zeit begann hier der Ausbau der Stadtautobahn, wobei etliche Ruderalflächen und Industriebrachen vernichtet wurden, die zuvor Lebensräume boten. Woanders, auf Acker, Feld, im Forst, in Gärten und Parks bleibt ja kein Platz für die Natur, und die Restflächen, Straßen- und Gleisränder sowie Böschungen werden immer häufiger "gepflegt". Klar, ein Autofahrer muss durch Englischen Rasen fahren, und der Rasen auf Autobahnparkplätzen, der Wiese sein könnte, wird gemäht, als würden Menschen dort spielen und sonnenbaden wollen. Es ist ein Irrsinn! Manche bezeichnen es auch als Nekrophilie.

    Ich fühle mich manchmal an Mordors Krieg gegen das Auenland erinnert. Die mechanistische "Ordnung" bekämpft das Organische, Gewachsene. Es wird getötet und sterilisiert, bis alles Schöne verschwunden ist, und da man die deprimierende Hässlichkeit seiner selbstgeschaffenen Umgebung nicht verträgt, flüchtet man per Flugzeug für zwei Urlaubswochen im Jahr in Gegenden, in denen sich der Ordnungswahn, der nur Chaos schafft, noch nicht ausgebreitet hat und genießt den Anblick einer Blume, die nicht von eines Menschen Hand gepflanzt worden ist.
    Dann kommt man nach Hause und schabt unter den Sträuchern alles weg, damit dort kahle Erde zu sehen ist statt Frühlingsblühern. Und man meint, man wäre mental gesund und könnte es bleiben.

    Nach der "Actias" habe ich nun dieses Forum entdeckt, und bin ich ganz aufgeregt und hoffe, hier noch viele Schmetterlingsinteressierte (und andere Naturinteressierte und privat Forschende) kennenzulernen.
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