Eine erfolgreiche Zucht von Lemonia taraxaci

Ein schöner und interessanter Artikel von G. Gader 1934

Mit dem Monat August beginnt auch die Flugzeit von Lemonia tara­xaci, die sich bis in den September hinein erstreckt. Taraxaci fliegt bei Dunkelheit bis gegen Mitternacht. Mit wildem Flug kommen die Falter zum Licht, um aber bald, sei es an der Leinwand oder auch an Mauern, ruhig zu sitzen. Sie lassen sich dann durch nichts stören. Eine eigenartige Tat­sache ist es, daß wohl Männchen dem Licht zufliegen, Weibchen aber sehr seIten zu erlangen sind.

Seit Jahren war es mein Bestreben, ein Weibchen dieses seltenen Spinners zur Eiablage zu erbeuten, um die bis jetzt wenig bekannte Zucht durchzuführen, einmal um die Lebensweise der Raupen kennen zu lernen, zum anderen, um auf diese Weise zu den seltenen Weibchen zu gelangen. Aber­ erst am 5.8.1934 ging mein Wunsch in Erfüllung, indem ich durch meinen Freund Fizia in den Besitz eines Weibchens gelangte, das dieser an der Wand seines Hauses sitzend am Morgen des genannten Tages fand. In einem geeigneten Behälter untergebracht, in den ich noch kleine Stengelchen etc. hineintat, hatte das Weibchen noch in derselben Nacht den Rest der Eier um die hineingeleg­ten Pflanzenstiele in größeren und kleineren Klumpen abgelegt, worauf es abstarb. Nun war ich im Besitze des langersehnten Zuchtmaterials.

Die Eier wurden im Freien, geschützt gegen Regen und Schnee über­wintert. Da ich die Zucht an lebender Pflanze durchführen wollte, so hatte ich mich beizeiten mit eingetopftem Hieraceum und Taraxacum versehen. Die Erde war zur hälfte mit Sand vermischt. Am 10. April schlüpften die 1. Räupchen, denen täglich weitere folgten. Ich gab sie sämtlich in einen vor­bereiteten Blumentopf. Um ein Entweichen der kleinen Räupchen zu ver­hindern, drückte ich einen weiten, oben offenen Glaszylinder in die Erde. Feuchtigkeit der Erde regulierte ich durch den Untersatz. Die Witterung war zur angegebenen Zeit kühl und regnerisch. Die Räupchen verschwanden sofort in Erdspalten. In dieser Zeit blieben sie auch unsichtbar. Das Bild änderte sich aber, als der 1. Sonnenstrahl die Räupchen traf. Da kamen sie alle wieder zum Vorschein, waren frisch und lebendig. An den von der Sonne am meisten beschienenen Stellen saßen sie - auf kleinen Steinchen, auf Blättern - dicht aneinandergeschmiegt. Bei Verschwinden der Sonne waren auch die Raupen verschwunden. Interessant war es, sie beim Fressen zu beobachten. Zur Nahrungsaufnahme verließen die Raupen selten die Erde. Dort, wo das Blatt aus der Erde kam, fraßen sich die Raupen von beiden Seiten bis zur Mittelrippe durch. Diese wurde dann solange benagt, bis das Blatt umknickte und auf der Erde zu liegen kam. Nun begannen erst die Raupen mit ihrer Fraßarbeit. Auch bei den erwachsenen Raupen konnte ich dasselbe beobachten, wohl ein Zeichen ihrer versteckten Lebensweise. Solange kalte Witterung herrschte, zeigten die Raupen wenig Freßlust. Am 19.4. hatten sie die 1. Häutung hinter sich. Inzwischen wurden sie auf mehrere Töpfe verteilt. Am Morgen wurden die Raupen stets fein bespritzt. Auch blieb die Erde gleichmäßig feucht. Ein "zuviel" schadet aber. Am 23.4. begann die 2. Häutung. Die Raupen behielten ihre Liebe zur Morgen­sonne bei.

6.5. Beginn der 3. Häutung. Während die Raupen bis jetzt fast nur Hieraceum annahmen, bevorzugten sie nun Taraxacum. Inzwischen hatte ich 2 große Raupenkästen zur Aufnahme der Raupen vorbereitet, die an einem sonnigen Platz meines Gartens aufgestellt wurden. In diese Kästen wurden nun die Raupen, ich zählte 62 Stück, verteilt. Sie wurden jetzt dauernd im Freien gehalten und waren allen Unbillen der Witterung ausgesetzt.

15.5. Beginn der 4. Häutung. Die Raupen wuchsen sehr langsam und hielten ihre versteckte Lebensweise bei. Am 16.5. setzte stärkeres Regen­wetter ein. Auch war es kühl. Die Raupen blieben die Zeit über unsichtbar - ohne zu fressen. Nach dem Regen waren die Raupen sehr lebhaft und freßbegierig. Das nasse Futter schien ihnen vortrefflich zu munden. Da das eingepflanzte Futter bald abgefressen war, sah ich mich genötigt, Blätter zuzulegen. Diese wurden auch gern genommen. Oft mußte am Tage 2 mal gefüttert werden. Auch Blüten von Taraxacum wurden verzehrt.

25.5. Beginn der letzten Häutung. Die Raupen wuchsen,jetzt sehr rasch und entfalteten einen großen Appetit.

Die erwachsene Raupe erreichte eine Größe von 6 cm. Von einer Beschreibung der Raupe habe ich abgesehen, da sie in Wolf, "Die Großschmetterlinge Schlesiens" und Berge-Rebel treffend gekennzeichnet ist.

Am 2.6. ging die 1. Raupe in die Erde. Eine Anzahl verpuppungs­reifer Raupen verteilte ich in mehrere, mit Sand und Erde gemischte Kästen. Am 9.6. war auch die letzte, bis auf 2, die kurz vor der Ver­puppung eingingen, in der Erde verschwunden. Von 62 Raupen hatte ich 60 bis zur Verpuppung durchgebracht.

Da ich einige Kästen für eine andere Zucht notwendig brauchte, nahm ich nach ca. 3 Wochen aus 3 Kästen die rotbraunen, lebhaft schla­genden Puppen heraus. Es waren 15 Stück, und brachte sie in einem anderen Behältnis unter. Jede Puppe wurde vorsichtig in eine kleine Erdmulde gebettet und mit Leinwand zugedeckt. die mäßig feucht gehalten wurde. Alle anderen Puppen blieben unbehelligt. Ich hatte also jetzt Puppen, die in ihrem Lager gestört wurden und solche, die vollständig in Ruhe gelassen worden waren. Die Kästen blieben weiter im Freien stehen.

Nun zum Abschluß der Zucht. Ich will erst von den Puppen be­richten, die unbehelligt blieben. Am 14.8. saß im Kasten ein schönes Männchen.

Ihm folgten am 15.8. 1 Weibchen 17.8. 1 Weibchen, 18.8. 2 Weibchen 19.8. 1 Weibchen 20.8. 1 Männchen 5 Weibchen, 21.8. 8 Männchen5 Weibchen 22.8. 3 Weibchen 23.8. 3 Männchen 2 Weibchen, 24.8. 1 Männchen1 Weibchen, 26.8. 2 Weibchen, 27.8. 2 Männchen1 Weibchen, 28.8. 1 Männchen. Hier schlüpften im ganzen 17 Männchen und 24 Weibchen, alle tadellos entwickelt. Die Tiere erschienen alle, mit Ausnahme eines Weibchens, das früh um 9 Uhr herauskam, in der Zeit von 4-6 Uhr nachm. Sofort nach Verlassen der Erde suchte der Falter Stengel, Blätter etc. auf, an die er sich sofort hing, um seine Flügel zu entfalten. Ein wildes Umher­irren wie bei dumi konnte ich nie heobachten. Männchen wie Weibchen waren sehr träge und wurden erst nach Einhruch der Dunkelheit lehendig. Das Weibchen fliegt fast garnicht.

 

Doch nun zurück zu den anderen Puppen, die gestört wurden. Wäh­rend in den anderen Kästen schon Falter für Falter schlüpften, wollten diese noch nicht kommen. Doch, am 20.8. schlüpften 2 Weibchen - aber total ver­krüppelt, ebenso am 26.8. 1 Männchen, trotzdem ich auch hier zur Entwickelung der Tiere Stengel etc. in die Erde gesteckt hatte. Alle anderen Puppen erwiesen sich als abgestorben. Dort einwandfreie Tiere - hier 3 verkrüppelte - die Puppen tot.

 

Sollen also die Puppen einwandfreie Falter ergeben, so dürfen sie in ihrer Ruhe nicht gestört werden. Es wäre mir lieb zu erfahren, ob auch andere, die die Zucht von L. taraxaci durchführten, dieselbe Erfahrung gemacht haben.

 

Da ich nächstes Jahr die Zucht noch einmal durchführen will, so setzte ich 1 Weibchen zunächst in den Anflugkäfig. Bereits um 11 Uhr stellte sich ein Männchen ein; die Kopula wurde sofort vollzogen und dauerte his gegen 12 Uhr. Bald darauf begann das Weibchen mit der Eiablage. Noch am selben Tage war das Weibchen verendet. Ich zählte etwas über 200 Eier. Interessant war das Verhalten eines Freiland Männchens und eines geschlüpften Männchens zu einem weiteren Weibchen. Hier siegte schließlich "nach Kampf" das Freilandtier. Da ich einen großen Teil Eier aussetzen will, so opferte ich noch 3 Weibchen zu diesem Zwecke. Alle Weibchen verendeten aber sofort nach der Eiahlage. Sie scheinen demnach nur eine kurze Lebensdauer zu haben. Da sie nicht flogen, waren sie für die Sammlung noch brauchbar.

 

Zusammenfassend ist also zu sagen: Das Ei üherwintert. Die Raupen sind an lebender Pflanze zu ziehen, da sie Erde zu ihrer versteckten Lebens­weise brauchen. Sie brauchen viel Sonne, am besten Morgensonne. Für ein Bespritzen zeigen sie sich dankbar. Die Puppen vertragen keine Störung. Solche Puppen sterben entweder ab oder liefern nur verkrüppelte Falter. Die Raupen gehen zur Verpuppung tief in die Erde. Die Tiere schlüpfen in der Zeit von 4-6 Uhr nachm. Kopula und Eiahlage ist leicht zu erreichen. Die Tiere haben nur eine kurze Lebensdauer.

 

Über die Verbreitung von Lemonia taraxaci verweise ich auf die Arbeit von Warnecke in der Entomologischen Zeitschrift 44. Jhrg.

 

Sollten die Zeilen ·dazu beitragen, daß sich mehr Entomologen mit der Zucht dieses schönen Spinners befassen, so ist der Zweck meiner Ausführung erreicht.

L. camilla an Symphoricarpos albus
Zuchtbericht - Lemonia dumi

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